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Grand*ioses Gemüse -
Von Regenwurmkompost &
Biodiversität & Marktgärtnerei

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An zwei hochsommerlichen Freitagen, den 16. und 23. Juli, trafen sich die AfterWork am Bauernhof - TeilnehmerInnen am Bahnhof Floridsdorf und stiegen in den Ausflugsbus. Auf dem Programm dieser „Spezial AfterWorks“ stand ausschließlich der Betrieb von Alfred Grand, die „GRAND FARM“, ein Bio-Bauernhof mit hohem Forschungsanteil und „Vermigrand“ … gleich mehr davon.

Im Autobus begrüßte Projektleiterin Kornelia Zipper, die wie immer zur Einführung ins Thema Landwirtschaft einige Zahlen und Fakten für uns vorbereitet hat. Reinhard Geßl vom FiBL Österreich machte eine kurze Einführung zum Bodenaufbau und in die Welt der Kompostierung. Außerdem berichtete er über die Fortschritte der aktuellen GAP-Strategie (Strategie der Gemeinsamen Agrarpolitik in Europa) sowie über den Stand dieser Strategie auf österreichischer Ebene. Unter anderem erklärte er die „Farm to Fork“ Strategie und die Biodiversitätsstrategie der EU sowie die SDG (Sustainable Development Goals) der Vereinten Nationen.

Links:

https://ec.europa.eu/food/horizontal-topics/farm-fork-strategy_en

https://www.bmk.gv.at/themen/klima_umwelt/naturschutz/biol_vielfalt/biodiversitaets_strategie_oe2020.html

In Absdorf angekommen begrüßte uns Alfred Grand sehr herzlich und wir konnten gleich die Regenwurmkompost-Produktion „Vermigrand GmbH“ besichtigen, die er mit einem Geschäftspartner 2010 gegründet hat. Der begeisterte Wurm- und Bodenspezialist erklärte und zeigte uns, wie „Heißrottekompost“ mit Hilfe von Kompostwürmern zu hochwertigem Wurmhumus wird! „Gearbeitet“ wird hier mit einem „epigäischen“ Regenwurm, der nicht sehr tief im Boden lebt, sondern in den lockeren Schichten oben, wo er aus dem aufgetragenen Kompost durch seine Verdauungstätigkeit feinkrümeligen Humus erzeugt. Andere Arten leben viel tiefer im Boden, wie z.B. der Tauwurm. In Österreich gibt es 65 Regenwurmarten! Vermis ist lateinisch und bedeutet Wurm, daher die Bezeichnung Vermigrand.

Die von den Kompostwürmern „bearbeitete“ Erde bewegt sich in der Humus-Anlage langsam von oben nach unten und wird dann über Gitter abgezogen. Der Nachschub kommt von oben. Deshalb wird eine derartige Kompostanlage eine „permanente“ genannt. Natürlich arbeitet der Kompostwurm nicht allein am hochwertigen Kompost, er wird unterstützt von Bakterien, Pilzen, Springschwänzen …

​​Exkurs: Wie rette ich einen Regenwurm? Was tun, wenn ein Regenwurm am Gehsteig liegt?

Es kommt sehr darauf an, wie feucht oder schon ausgetrocknet der Wurm ist. Da er über die Haut atmet, erstickt ein Wurm bei Trockenheit. Also soll man schauen, ob der Wurm noch glänzt, also noch feucht ist. Wenn ja, dann kann man ihn nehmen und auf eine Wiese oder einen offenen Boden legen, in den der Wurm wieder hinein kann. Wenn der Wurm schon sehr trocken wirkt, schnell in eine Lacke geben! Dann werden die Lebensgeister wieder geweckt.  Achtung: Den Wurm nicht in hohem Bogen in die Natur werfen! Lieber direkt am offenen Boden ablegen! 😉

Nächste Station: Blühstreifen, Agroforst

Bei einem Spaziergang auf die Felder (der Betrieb hat insgesamt 90 ha Ackerland) sahen wir, wie Biodiversität am und zwischen den Äckern aussehen kann. Z.B. am Feld mit „Mischsaat“. Angebaut wird nicht nur eine Getreideart, sondern so wie hier eine kleine Linsenart, Leindotter und Gerste. Ungewohnt ist das. Geerntet wird alles gemeinsam und nachträglich getrennt, was technisch kein Problem darstellt. Der Vorteil: wenn der Boden ungleichmäßig ist wie hier (z.B. steinig oder sandig von früheren Hochwasserablagerungen), sucht sich jede Pflanze ihren Bereich. Das heißt, der Bewuchs ist genauso ungleichmäßig wie der Boden, aber das spielt dann keine Rolle. Stellenweise Ausfälle einer Art werden durch die andere kompensiert. So wird das Risiko minimiert und für den Boden und die Biodiversität ist es sowieso besser.

Dann spazierten wir neben einem breiten Blühstreifen, der fünf Jahre unverändert stehen bleibt, und in dem viele verschiedene Gräser und Stauden und unzählige Insekten zu finden sind. Besonders schön am 16. Juli war der Segelfalter anzusehen - eine Woche später fanden wir ganz andere Insekten. Wir gingen zwischen „Agroforst“ – so nennt man Bäume und Sträucher im Agrarland. Durch die Kommassierungen (Flurzusammenlegungen v.a. in den 50er und 60er Jahren) sind in vielen Ackerbaugebieten Strauch- und Baumzeilen sowie Einzelbäume verschwunden, die Agrarlandschaft wurde ausgeräumt. Sehr wohl angelegt wurden gezielt Windschutzgürtel. Mit der „Bewegung“ Agroforst sollen wieder mehr Sträucher und Bäume in Ackerlandschaften zurückgebracht werden, denn sie binden CO2, stellen eine Adaption gegen die Klimaveränderung dar (Trockenheit, Starkregen) und sind ein großer Beitrag zur Biodiversität.

Ein Stück weiter sahen wir Obstbäume, die in einer Kooperation mit der Arche Noah gepflanzt wurden. Hier sollen sich bald auch 40 Hennen tummeln!

Dann gelangte die AfterWork-Partie zur „Marktgärtnerei“, dem Grand-Gemüsegarten. Alfred Grand erklärte die Prinzipien der „Market Gardening“ Bewegung (die aber nicht als Begriff geschützt ist): kleine Strukturen (ca. 1 ha), sehr intensiv und biologisch bewirtschaftet, fast ausschließlich Handarbeit, viele verschiedene Gemüsearten (im Grand Garten sind es 50), nur für die Direktvermarktung, wenn es geht das ganze Jahr und das Hauptaugenmerk liegt am gesunden Bodenaufbau. Vermarktet wird das Grand-Gemüse im „Kistl-System“ direkt und zwar geht es an Verteilstationen z.B. in Tulln, von denen sich die Kundinnen und Kunden dann ihr bestelltes Kistl abholen können. Das Ganze gibt es erst seit 2019. Und natürlich in Bio!

Nach einer guten Stärkung zwischendurch mit Aufstrichen, Gemüse, Brot, Butter, Wasser, Saft und Wein zeigte uns Alfred Grand noch die innovativen Handwerkzeuge zur Gartenbearbeiung und den Bodenaufbau im offenen Bodenprofil. Obwohl es schwül war und die AfterWork-Gruppen schon wirklich viel von Alfred Grand erfahren haben, nahmen die Fragen kein Ende! Alfred wurde aber auch nicht müde uns alles zu beantworten und mit einem Schaufelstich hat er uns nochmals gezeigt, wie lebendig es in nur einem kleinen Häufchen Erde seines Gartens unter der Mulchschicht „zugeht“!!

Nach einer herzlichen Verabschiedung stieg die Gruppe müde, aber begeistert und zufrieden (das zeigen die Evaluierungsbögen) in den Bus um in die Stadt zurück zu fahren!

Grand Farm - Forschungs- und Demonstrationsbauernhof

Kremser Straße 63
3462 Absdorf

https://grandfarm.at/

Bericht: Eva-Maria Munduch-Bader

Fotos: Reinhard Geßl, Karl Nachtnebel, ÖKL