




Wolle & Knolle
von glücklichen Milchschafen und Erdäpfelvielfalt

Freitag, 18. September 2026



Bei schönem herbstlichem Wetter starten wir heute in Floridsdorf und machen uns auf den Weg Richtung Nordwesten – hinaus aus Wien und hinein ins Tullnerfeld. Schon während der Busfahrt stimmen wir uns auf das Thema Landwirtschaft ein und werfen einen Blick auf einige aktuelle Zahlen und auf die heutigen Schwerpunkte.
Naturhof Sperl, Eggendorf am Wagram, 3430
Angekommen am Naturhof Sperl sammeln wir uns zunächst unter einem wunderschönen großen Nussbaum. Dort begrüßen uns Lukas und Anna-Maria Sperl und geben uns einen ersten Einblick in ihren Betrieb.
Auf 12 Hektar werden etwa 60 Milchschafe gehalten, die zweimal täglich gemolken werden. Neben der Schafmilchproduktion gibt es am Hof noch ein besonderes Herzensprojekt: den Aufbau eines Agroforstsystems.
Danach geht es für uns direkt in den Stall – wo wir von den neugierigen Bewohnerinnen bereits freudig erwartet werden.
Gehalten werden Ostfriesische Milchschafe. Die Rasse wurde speziell auf eine hohe Milchleistung gezüchtet und zählt zu den klassischen Milchschafrassen. Typisch sind der unbewollte, hornlose Kopf und der ebenfalls unbewollte Schwanz.
Als Bio-Betrieb spielt auch der Weidezugang eine wichtige Rolle. Grundsätzlich müssen in der biologischen Landwirtschaft Pflanzenfresser wie Rinder, Schafe und Ziegen während der Weideperiode Zugang zu Weideland erhalten, wann immer es die Bedingungen erlauben.
Die außergewöhnliche Trockenheit stellt die Betriebe 2026 allerdings vor besondere Herausforderungen. Auch am Naturhof Sperl war heuer zeitweise schlicht keine ausreichende Weide mehr vorhanden, weshalb entsprechende Ausnahmeregelungen greifen konnten.
Die Auswirkungen des trockenen Jahres sind am Betrieb ganz praktisch spürbar: Eigentlich bekommen die Schafe täglich frisches Gras. Weil auf den Flächen heuer jedoch deutlich weniger Futter gewachsen ist, musste teilweise bereits auf Luzernesilage aus den für den Winter vorgesehenen Futterreserven zurückgegriffen werden.
Besonderen Wert legt die Familie Sperl auf das Tierwohl. Dazu gehört auch die muttergebundene Lämmeraufzucht: Die Lämmer dürfen zunächst bei ihren Müttern bleiben und dort Milch trinken. Ab einem Gewicht von ungefähr 15 Kilogramm werden sie nachts von den Muttertieren getrennt, verbringen den Tag aber weiterhin gemeinsam mit ihnen.
Zum Tierwohl gehören außerdem ausreichend Bewegungsmöglichkeiten, eine trockene und gut eingestreute Liegefläche, eine bedarfsgerechte Fütterung und – wann immer es die Bedingungen zulassen – der Zugang ins Freie und auf die Weide.
Bei der muttergebundenen Aufzucht wird ein Teil der Milch von den Lämmern getrunken, während der übrige Teil für die Verarbeitung in der Hofkäserei zur Verfügung steht.
Auch das Haltungssystem im Stall wird uns erklärt. Die Tiere stehen in einem Tretmiststall. Dabei wird die Liegefläche regelmäßig frisch eingestreut. Durch die Bewegung der Tiere werden Einstreu und Mist verdichtet und können anschließend als Festmist aus dem Stall entfernt werden.
Zweimal täglich geht es für die Milchschafe in den Melkstand. Die gewonnene Milch hat dabei einen besonders kurzen Weg: Seit 2021 wird am Naturhof Sperl die eigene Bio-Schafmilch direkt in der hofeigenen Käserei verarbeitet, wodurch ein wichtiger Teil der Wertschöpfung direkt am Hof bleibt.
Aus der Milch entstehen unterschiedliche Produkte – von Frischkäse über verschiedene Käsevariationen bis hin zu eingelegten Topfenbällchen. Auch Lammfleisch und weitere hofeigene Produkte gehören zur Direktvermarktung. Verkauft wird ab Hof sowie über Märkte und regionale Vermarktungswege.
Durch ein großes Schaufenster dürfen wir noch einen Blick in die Hofkäserei werfen und sehen, wo aus der frisch gemolkenen Schafmilch die Produkte entstehen, die wir nun auch probieren dürfen.
Aufgetischt werden verschiedene Schafmilchprodukte – darunter Frischkäse, Hartkäse sowie würzige Chili- und Kräuterbällchen – außerdem Wurst und weitere Spezialitäten des Hofes.
Bevor wir uns von Lukas und Anna-Maria verabschieden, geht es noch einmal hinaus auf die Flächen. Dort erfahren wir mehr über das Agroforstprojekt, bei dem landwirtschaftliche Nutzung gezielt mit Bäumen oder Sträuchern auf derselben Fläche kombiniert wird. Die Gehölze bremsen Wind, spenden Schatten, bieten Lebensräume für Tiere und Pflanzen und können die Bodenstruktur sowie den Wasserhaushalt positiv beeinflussen. Am Naturhof Sperl wurden dafür Maronibäume gepflanzt. Sobald die Bäume groß und robust genug sind, sollen die Flächen auch von den Schafen beweidet werden.
Die Voraussetzungen am Standort sind nicht überall optimal. Gerade deshalb soll das Zusammenspiel aus Bäumen, Sträuchern, Grünland und künftig auch Beweidung dazu beitragen, den Boden zu verbessern, das landwirtschaftliche System widerstandsfähiger zu machen und vor allem die Biodiversität am Betrieb zu fördern.
Bis daraus ein funktionierendes Agroforstsystem entsteht, braucht es allerdings Geduld.
Da müssen wir wohl wiederkommen.
3430 Eggendorf am Wagram
Resinger BIOlogisch, Zissersdorf, 2000
Nach unserem Besuch am Naturhof Sperl geht es weiter nach Zissersdorf, dort steigt Josef Resinger, mit einem Spaten bepackt, zu uns in den Bus – und bevor wir zum Hof fahren, geht es gleich hinaus aufs Ölkürbisfeld. Denn wir wollen nicht nur sehen, was auf dem Boden wächst, sondern auch einen Blick darunter werfen.
Josef hat den Betrieb 2013 von seinen Eltern übernommen, seit 2018 wird biologisch gewirtschaftet. Gemeinsam mit seiner Frau Michaela, die sich unter anderem um Vertrieb und Marketing kümmert, hat er Betrieb und Direktvermarktung laufend weiterentwickelt. Erdäpfel werden hier bereits seit Generationen angebaut, dazu kommen Ölkürbis, Speisekürbis, Zwiebeln, Knoblauch und weitere Kulturen.
Ein Thema begleitet uns durch den gesamten Besuch: Biodiversität beginnt im Ackerbau nicht erst beim Blühstreifen, sondern bereits bei Bodenbewirtschaftung und Kulturvielfalt.
Josef erklärt uns dazu die Fruchtfolge – die geplante Abfolge verschiedener Kulturpflanzen auf demselben Feld über mehrere Jahre. Unterschiedliche Kulturen haben unterschiedliche Ansprüche, durchwurzeln den Boden verschieden tief und können dazu beitragen, Krankheiten, Schädlinge und Beikräuter zu regulieren sowie Bodenstruktur und Bodenfruchtbarkeit zu erhalten.
Auf einem Feldstück zeigt Josef beispielhaft die Abfolge Erdäpfel, Körnermais, Ölkürbis und Winterweichweizen, bevor wieder Erdäpfel folgen. Dazwischen werden Begrünungen angebaut. So entsteht zwischen zwei Kartoffelkulturen eine mehrjährige Pause – wichtig, weil sich Krankheiten und Schädlinge bei zu engem Kartoffelanbau leichter ausbreiten können.
Nun nimmt Josef mit dem Spaten eine Bodenprobe – und wir merken schnell, wie außergewöhnlich trocken dieses Jahr war. Der harte, trockene Boden macht die Herausforderungen des Dürrejahres 2026 unmittelbar sichtbar.
Ohne Bewässerung wäre der Anbau heuer bei manchen Kulturen kaum möglich gewesen. Eine Ausnahme ist der Kürbis, der mit trockeneren Bedingungen vergleichsweise besser zurechtkommt.
Bei den Erdäpfeln wird nicht großflächig von oben beregnet. Stattdessen liegen Bewässerungsschläuche innerhalb der Kartoffeldämme. So gelangt das Wasser gezielt in den Wurzelraum und Verdunstungsverluste können reduziert werden.
Natürlich sprechen wir auch über Schädlinge und Krankheiten. Zu den Schädlingen gehören Kartoffelkäfer und Drahtwurm, dazu kommt die Kraut- und Knollenfäule. Dabei wird auch mit einem verbreiteten Missverständnis aufgeräumt: Bio bedeutet nicht, dass keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden dürfen. Die zugelassenen Mittel müssen jedoch den Vorgaben der biologischen Landwirtschaft entsprechen.
Wie wir bereits im Bus gehört haben, stehen in der Österreichischen Sortenliste 2026 insgesamt 55 zugelassene Kartoffelsorten.
Zu Josefs bevorzugten Sorten gehören Avanti, Glorietta, Herbstgold, Lilly Rose und die auffällig violette Purple Rain. Sie unterscheiden sich nicht nur optisch, sondern auch in Konsistenz, Reifezeit, Lagerfähigkeit und Geschmack.
Mitten im Kürbisfeld stellt sich noch eine praktische Frage: Wie kommen eigentlich die Kürbiskerne aus den Kürbissen?
Die Ernte erfolgt üblicherweise maschinell mit einem Kürbisernter. Die Früchte werden direkt am Feld aufgebrochen und die Kerne vom Fruchtfleisch getrennt. Fruchtfleisch und Schale bleiben am Acker zurück und werden später wieder in den Boden eingearbeitet.
Die Kerne werden anschließend gewaschen, getrocknet und gelagert. Die Kürbiskerne vom Betrieb Resinger werden schließlich in einer kleinen steirischen Ölmühle zu Kürbiskernöl gepresst.
Und dazu gibt es noch einen überraschenden Fun Fact:
Obwohl wir in Niederösterreich stehen, befinden wir uns im zugelassenen Anbaugebiet für Steirisches Kürbiskernöl g.g.A.
Nachdem wir so viel über den Kürbis gehört haben, dürfen wir selbst noch einige übrig gebliebene Hokkaido-Kürbisse nachernten.
Danach geht es zurück zum Hof in die Lager- und Verarbeitungshalle. Dort warten verschiedene gekochte Erdäpfelsorten, Kürbiscremesuppe und Kürbiskernöl auf uns. So können wir die Vielfalt nun auch direkt erschmecken.
Während wir essen, nimmt uns Josef noch einmal mit durch das landwirtschaftliche Jahr:
Nach der Erdäpfelernte wird beispielsweise eine Begrünung angebaut. Sie hält den Boden zwischen zwei Hauptkulturen bedeckt, schützt vor Erosion und Austrocknung, durchwurzelt und stabilisiert ihn und liefert Nahrung für Bodenorganismen. Damit fördert sie zugleich das Bodenleben und die Biodiversität.
Etwa Anfang März wird die Begrünung umgebrochen beziehungsweise der Boden für die nächste Kultur vorbereitet. Zwischen 20. April und Anfang Mai folgt etwa die Aussaat von Mais. Dieser wird um den 1. Oktober geerntet, wenige Wochen später – etwa um den 20. Oktober – kann Winterweichweizen gesät werden. Er überwintert am Feld und wird ungefähr Mitte Juli des Folgejahres gedroschen.
Danach folgt erneut eine Begrünung. Je nach nächster Kultur wird der Boden später wieder vorbereitet, und Mitte März können schließlich die Pflanzkartoffeln gelegt werden.
So wird deutlich: Fruchtfolge und Begrünung halten den Boden möglichst lange bedeckt und lebendig. Gleichzeitig sorgen verschiedene Kulturen und Wurzelsysteme für mehr Vielfalt auf und im Boden.
Zum Abschluss wird noch die Erdäpfelsortieranlage für uns in Betrieb genommen. Die Knollen werden zuerst nach ihrer Größe sortiert. Danach folgt die Qualitätskontrolle: Beschädigte, von Schädlingen befallene oder bei der Ernte verletzte Erdäpfel werden händisch aussortiert.
So bekommen wir noch einmal einen Eindruck davon, wie viele Arbeitsschritte zwischen dem Legen einer Pflanzkartoffel und dem fertigen Sack Erdäpfel im Hofladen liegen.
Mit viel neuem Wissen, einigen gefüllten Einkaufstaschen und vielen Eindrücken machen wir uns schließlich wieder auf den Weg zurück nach Wien.
Was für ein Tag – von der Wolle bis zur Knolle, von Tierwohl bis Biodiversität.
Fotos: ÖKL, Teilnehmer:innen
Fotos: ÖKL, Teilnehmer:innen






















































